Langer Beitrag, aber ein bisschen Anekdoten:
Ich war lange auch auf dem Stand, dass ich absolut keinerlei Ahnung von meinem Fahrrad hatte. Das hat mich zwar eine fünfstellige Anzahl an Kilometern bewegt, aber ich glaube, ich hätte maximal Bremsblöcke für eine Felgenbremse wechseln können - wenn überhaupt - so wenig Ahnung hatte ich davon. Kurz vor Ende meines Studiums wurde mir dann mein Rad geklaut. Nach Ende meines Studiums hatte ich noch etwas Zeit bis zum Jobbeginn. Und kein Fahrrad mehr. Also habe ich angefangen, mich einzulesen. Und Werkzeug zu kaufen. Und Teile zu kaufen. Und habe geschraubt, gebastelt, probiert, ...
Am Ende der Aktion stand ein fertiges Fahrrad. Komplett durch mich ausgesucht, kombiniert, aufgebaut. Seitdem gibt es (fast) nichts mehr, was ich an meinem Fahrrad nicht selbst machen kann. Zwar hat mich der Selbstaufbau verdammt viel Geld gekostet - ein komplettes Fahrrad wäre günstiger gewesen, von dem ganzen Werkzeug ganz zu schweigen - aber das war es wert. Für den Wissensgewinn würde ich es jederzeit wieder machen. Vor gar nicht so langer Zeit dann auch mal die komplette Federgabel (Luftfederung mit Öldämpfer) zerlegt und gewartet. Alles nun nichts mehr, vor dem ich Angst hätte.
Nur eine Sache habe ich nicht selbst gemacht: Den Aufbau der Laufräder. Felge, Naben/Nabendynamo und Speichen habe ich mir zwar selbst ausgesucht, aber nachdem ich mich damit beschäftigt habe, was eigentlich alles dazu gehört, wenn man das *vernünftig* machen will, habe ich es am Ende doch gelassen. Das ist ein Rabbithole, eine komplette Kunst für sich. OK, am Thule-Fahrradanhänger habe ich auch schon mal komplett die gelockerten Speichen wieder festgezogen, die Felge einigermaßen zentriert und die Speichen auch einigermaßen gleichmäßig angezogen. Aber wenn man es *richtig* machen will, braucht man einen Profi. In meinem Fall war das die Firma von Felix Wolf aus Dresden:
https://www.light-wolf.de/ Kann ich sehr empfehlen. Günstig ist das aber nicht. Seinen Preis wert aber definitiv. Und der Service ist auch super - auch hinterher. Brauchte nach einem Wechsel meiner Federgabel z.B. ein anderes Achssystem (Steckachse statt Schnellspanner), dafür also einen neuen Nabendynamo. Das wurde auch Jahre später noch komplett zum reinen (fairen) Materialpreis ohne Berechnung der Arbeitsleistung erledigt. Aber das nur am Rande.
Übrigens können Profis verdammt viel aus so einer Felge wieder rausbekommen. Mein altes Fahrrad stand mal draußen am Schwimmbad in einem Fahrradständer am Boden. Irgendein Vogel hat das Rad dann mutwillig beschädigt, in dem er das Rad komplett quer auf die Seite gelegt hat - natürlich während es noch im Fahrradständer steht. Meine Felge hatte also keinen Schlag, sondern einen kompletten 90°-Knick quer zur Laufrichtung. Da ging erst einmal nichts mehr. Während ich also damals am Telefonieren war, wer mich abholt (war auf dem Land, also kein ÖPNV), haben zwei ziemlich muskulöse Freunde von mir dann zusammen die Felge schon mal notdürftig wieder gerade gebogen. Mit ausgehängter Bremse war es danach tatsächlich so, dass man wieder fahren konnte, wenn auch mit einem Schlag bzw. einer Acht von mehreren cm. Damit bin ich am nächsten Tagen zum örtlichen Fahrradladen. Hab nichts gesagt, ihn einfach machen lassen. Hinterher war der Seitenschlag komplett weg, nur ein minimaler Höhenschlag ("Ei") blieb übrig. Als ich dem Monteur dann ein Foto gezeigt habe, wie die Felge ganz zu Anfang aussah (der 90°-Knick), war er erschrocken und meinte, wenn er das vorher gesehen/gewusst hätte, hätte er niemals gedacht, dass das überhaupt reparierbar wäre. Aber jetzt war es wieder fahrbereit. Ggf. sind auch die Mäntel abgefahren oder brüchig, dann die auch tauschen. Am besten die Schläuche dann gleich mit.
Jetzt habe ich aber viel geschrieben, ohne direkt was zum Problem zu sagen:
- Wirtschaftlich ist das Rad vermutlich gerade mindestens ein großes Grab, wenn nicht sogar eigentlich ein Totalschaden.
- Willst du es vernünftig haben, kannst du mal einen Laufradbauer deiner Wahl oder den örtlichen Fahrradladen kontaktieren und schauen, was der aus den Laufrädern noch wieder "herausholen" kann oder ggf. zu tauschen hat. Alternativ natürlich mal einen Speichenschlüssel und ggf. einen Zentrierständer besorgen und selbst probieren. Wenn es eh kaputt ist, kann man auch nicht noch mehr kaputt machen.
- Ebenso solltest du mit einem Fahrradladen deiner Wahl Kontakt bezüglich der sonstigen nötigen Wartungen aufnehmen. Da sind einige Dinge direkt sichtbar nötig, aber auch einige Dinge, die man nicht sofort auf der Rechnung hat. Kette tauschen, vermutlich dann auch Ritzel hinten und ggf. auch Kettenblätter vorne. Tretlager prüfen, ggf. tauschen. Komplette Federgabelwartung liegt vermutlich auch an (Dichtringe, Öl, ...). Dämpfer hinten genau so. Mäntel sind vielleicht auch brüchig/durch, dann auch tauschen. Am besten die Schläuche gleich mit. Restdicke der Bremsscheiben sind auch zu prüfen, ebenso die Bremsbeläge. Ggf. auch die Bremse mal entlüften. Immerhin ist keine Bremsflüssigkeit zu wechseln, da die Mineralöl verwendet. Und wenn man schon dabei ist, kann man natürlich auch noch schauen, ob Sattel oder Griffe abgenudelt sind und ob die Lager der Pedale noch vernünftig funktionieren. Ggf. rostige Teile prüfen (Sattelklemme z.B.) Ebenso natürlich auch noch die Teile, die nötig sind für den Betrieb im normalen Straßenverkehr. Licht vorne, Reflektor vorne, Licht hinten, Reflektor hinten, Reflektoren Seite und Pedale. Davon ist auf den Bildern gar nichts zu erkennen, muss vermutlich alles nachgerüstet werden.
Du wirst schnell feststellen: Das kostet alles. Und zwar nicht ohne. Im Fahrradladen vermutlich sehr schnell deutlich mehr als der Gebraucht-Kaufpreis des Rades. Aber auch wenn du das selbst machst, ist das nicht zu unterschätzen, weil du einiges an Spezialwerkzeug brauchst. Kurbelabzieher/Centerlock-Werkzeug/Kettenpeitsche für das Wechseln der Ritzel und Kettenblätter, Kettennieter zum Tauschen der Kette, Tretlagerwerkzeug um das Tretlager rein und raus zu bekommen. Drehmomentschlüssel - nicht selten mehrere, weil die Drehmomentbereiche sehr unterschiedlich sind (z.B. 50Nm für Centerlock/Ritzel, 40Nm für's Tretlager, 15Nm für die Kurbel, 10Nm für die Bremsen, 6Nm für Lenker und Sattel, 0,5-0,8Nm für Schellen usw.). Kleinteile wie Reifenheber usw.
Trotzdem lohnt es sich natürlich, das alles selbst zu machen. Das Werkzeug kauft man schließlich nur einmal (zumindest wenn man vernünftig kauft). Das Wissen gewinnt man auf jeden Fall und kann es in Zukunft selbst machen. Jetzt im April ist es vermutlich eh schwer, einen Fahrradladen zu finden, der Kapazitäten frei hat. Und wenn man es mit dem Sohnemann zusammen macht, hat er vielleicht auch Bock drauf, das zu lernen. Dann haben sogar beide was davon.
//EDIT: Ach ja, gebrauchtes Hinterrad kaufen ist halt auch "gefährlich". Denn es muss alles passen: Gleiche Größe (bei dir 26"), am besten auch ähnliche Felgenweite (22mm) oder zumindest passend zum Einsatzzweck (mal nach ETRTO-Tabelle googlen, um minimale/maximale Reifenbreite passend zur Felgendweite abzugleichen), gleiche Aufnahme für die Ritzel bzw. gleicher Freilaufkörper (Schraub- vs Stecksystem, Shimano 7-fach, Shimano MTB 8-11fach, Shimano Road, Shimano Micro Spline, SRAM XD, SRAM XDR, ...), gleiche Anzahl Ritzel, Ritzel passend zur Kapazität des Schaltwerks, gleiches Achssystem (Steckachse mit 12mm, 15mm oder 20mm oder Schnellspanner), Standard-, Boost- oder Super-Boost-Breite. Wenn alles passt, muss das Laufrad natürlich auch noch in Ordnung sein. Kein Schlag, Speichenspannungen ok, usw. Klar, da kann man auch mal ein Schnäppchen machen. Aber nicht selten steckt man genau so viel Zeit und/oder Geld rein, als wenn man das vorhandene gleich aufarbeitet.