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Ansichtssache: ThinkPad s30 - Teil 2

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Exotisch-widerspenstiger Winzling: Der IBM ThinkPad s30 – Teil 2

Zweiter Anlauf

Nach einer kleinen Verschnaufpause und sorgfältiger Rezeption der Logdateien des X-Servers wagte ich einen zweiten Anlauf. Doch schon zu Beginn ergab sich eine neue Hürde: Wie sollte ich zum Download benötigter Pakete ins Netz kommen, wenn die Treiber für die nachträglich in den s30 eingebaute Intel-WLAN-Karte unter SliTaz nicht vorhanden waren und sich somit keine drahtlose Netzwerkverbindung aufbauen ließ? Der s30 besitzt schließlich entweder einen WLAN- (wie bei meinem Modell) oder einen LAN-Anschluss. Beides gemeinsam ist nicht vorhanden. Ich bastelte also eine abenteuerliche Netzwerkanbindung zusammen: An eine IBM EtherJet-CardBus-Karte im s30 wurde eine Netgear-Bridge angeschlossen, die wiederum mit einem Huawei HSPA-/WLAN-Router kooperierte.

Doch trotz dieser unkonventionellen Netzwerkanbindung für den Treiberdownload bekam SliTaz den X-Server nicht in den Griff. Manuelle Änderungen wurden ignoriert, beim Ändern der /etc/X11/xorg.conf mit bordeigenen Tools hing sich der Rechner komplett auf. Immerhin konnte ich den Logdateien entnehmen, dass die SMI-Grafikkarte beim VESA-Treiber in der XGA-Auflösung nicht korrekt synchronisiert. Es musste also eine Distribution her, die fehlertolerant arbeitet.

Puppys zweite Chance

Mir fiel erneut nur Puppy Linux ein, das als einziges System mit ordentlichem Bedienkomfort, exzellenter Hardwareunterstützung und flottem Arbeitstempo auch auf dem s30 infrage kam. Puppy Linux 5.2.8 „Lucid Puppy“ hatte sich zwar bereits als unkooperativ erwiesen auf dem s30, aber die sehr beliebte Distribution gibt es in unzähligen sogenannten „Puplets“, also Derivaten, die auch meist einen anderen Unterbau haben. Ich entschied mich also, mehrere Puppy-Derivate auf den s30 loszulassen. Gleich beim ersten Versuch mit dem nicht mehr ganz taufrischen Wary Puppy 5.1.4 landete ich einen Volltreffer: Die Live-CD bootete anstandslos und wechselte nach Auswahl des Xvesa-Treibers in den grafischen Bildschirm mit SVGA-Auflösung. Das sich beim ersten Start des Systems stets öffnende Fenster mit den Displayeinstellungen bot mir jedoch zusätzlich die XGA-Auflösung in 16 oder 24 Bit Farbtiefe an. Und tatsächlich: Nach Auswahl des entsprechenden Grafikmodus wechselte Wary sofort in die gewünschte Auflösung.

Nachdem also die widerspenstige Grafikkarte gezähmt war, galt es, das System auf die Festplatte zu befördern. Puppy Linux war bis vor nicht allzulanger Zeit dafür berüchtigt, sich bei Festplatteninstallationen einige Eigenheiten zu genehmigen, die meistens dazu führten, dass der Bootmanager im Nirwana verschwand. Ich wollte aber nicht schon wieder vor einem schwarzen Display sitzen und habe daher aus dem Live-System heraus nach fertiger Platteninstallation den Bootmanager ebenfalls komplett neu in den MBR schreiben lassen. Damit der Rechner danach jedoch auch tatsächlich startet, muss in der Datei /boot/grub/menu.lst in der Kernel-Zeile noch der Parameter pmedia=atahd manuell angehängt werden. Nach diesen kleinen Nacharbeiten startete das System problemlos.

Hardwareerkennung exzellent

Wary entpuppte sich nun fast wie geschaffen für den s30: Das Audio-System funktionierte sofort, und die unter SliTaz noch inaktive WLAN-Karte war in Wary ebenfalls sofort einsatzbereit ohne zusätzliche Treiberinstallation. Das System läuft auf dem Rechner gewohnt agil und ohne hinderliche Latenzzeiten, und selbst der Bootvorgang wirkt trotz langsamer Festplatte relativ flott (60 Sekunden).

Fazit

Nussecken sind nichts für zahnlose Tiger. Auch einige ThinkPad-Baureihen mit exotischer Hardware erweisen sich abseits ausgetretener Software-Pfade als höchst kapriziös und können vor allem Linux-Einsteiger sehr schnell überfordern. Zwar ist die im s30 für die Irritationen primär verantwortliche SMI-Grafikkarte nur in wenigen ThinkPad-Modellen verbaut, doch auch Eigentümer der i1200-Serien kommen in den Genuss dieses kooperationsunwilligen Pixelmalers. Daher muss man beim Einsatz dieser Baureihen mit engelsgleicher Geduld und stoischem Temperament längere Testphasen mit einplanen, wenn man das Gerät technisch wirklich ausreizen möchte.

Hinweis: Auf den Abbildungen ist das Display des s30 jeweils auf der schwächsten Helligkeitsstufe sichtbar. Auch nach mehr als zehn Jahren Betriebszeit bietet das Display also nach wie vor eine bessere Leuchtkraft als so manches "moderne" TN-Display.

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Aktualisiert: 09.09.2012 um 11:57 von enrico65

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Kategorien
Testberichte , ThinkPad , Linux

Kommentare

  1. Avatar von andy
    Erst mal vielen Dank an enrico65 für den schönen Testbericht und natürlich dafür, dass Du es doch noch geschafft hast auf dem guten Stück Linux zu installieren! (Ich hatte es bisher meist mit Win XP genutzt.)

    Das s30 ist wirklich eines meiner Lieblings-ThinkPads! Wie so oft bei IBM war es seiner Zeit ein paar Jahre voraus. Als die 10“-Modelle vor ein paar Jahren aktuell wurden hatte ich wirklich gehofft, dass es wieder ein vergleichbares ThinkPad mir aktueller Hardware geben wird. Entsprechend enttäuscht war ich dann als ich bei einer Händlerveranstaltung das erste Vorserienmodell des X100 gesehen habe. Natürlich kann man in der Preisklasse des X100 (heute x121e/ x130) kein Gehäuse bauen wie es das ThinkPad s30 hat aber ich hätte auch gerne 1.000 EUR oder 1.500 EUR für ein 10“-ThinkPad bezahlt das dem s30 von der Verarbeitung her ebenbürtig ist. Ob es für Lenovo wirtschaftlich wäre ein solches Notebook zu entwickeln kann ich nicht beurteilen, ich kenne genügend Kunden die es sich leisten könnten und auch bereit wären entsprechend Geld für eine wirklich hochwertiges kleines ThinkPad auszugeben. Ich bin auch überzeugt davon, dass Lenovo mit dem von IBM übernommenen Know-How dazu in der Lage wäre ein solches ThinkPad zu bauen und ich kann mir vorstellen, dass man damit auch Geld verdienen kann. Noch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich die Ingenieure irgendwann mal wieder gegenüber den Controllern durchsetzen werden und das bestmögliche Notebook bauen und nicht bei jeder neuen Serie der Fokus darauf gelegt wird wo man bei der Produktion noch 5 Cent sparen kann.

    Ich weiß das sind Träume aber zum Glück habe ich ja noch mein gutes s30 das mich hoffentlich noch viele Jahre begleiten wird. Damit werde ich sicher noch arbeiten wenn die ersten x100 lange auf dem Recyclinghof oder im Müll gelandet sind. Gruß Andy
  2. Avatar von Mornsgrans
    @andy: +1

    Tolle Fortsetzung, enrico65 - das macht Appetit darauf, es auf meinem i1200 zu probieren

    Muss aber zuerst Komponenten kaufen, um internes WLAN nachzurüsten.
    Aktualisiert: 06.03.2012 um 22:00 von Mornsgrans
  3. Avatar von sys.
    Schönen Dank für deinen Bericht enrico65! Ich könnte für die nächste Nummer Bodhilinux empfehlen.

    Gruß

    sys.
  4. Avatar von enrico65
    @sys:
    Bodhilinux ist zwar eine schöne Distribution, aber auf dem s30 hat Bodhilinux leider auch kein Bild zustande gebracht. Wary war wirklich die einzige Linux-Distri, die sofort mit dem seltenen Chipsatz ohne Einschränkungen harmoniert hat. Seither mache ich einen ganz großen Bogen um alle i1500, s30 und ähnlich kapriziöse Schätzchen. Wenn es denn ein "Knirps" unter Linux sein muss, geht nichts über einen X31 oder X32 (wenn man die Geräuschentwicklung mal beiseite lässt).

    Gruß
    enrico65
  5. Avatar von lwede
    Schöner zweiter Teil eines schon im ersten Kapitel interessanten Berichts! Hast Du "zufällig" eine Liste der Distributionen und Versionen, mit denen Du gescheitert bist, angelegt? Das könnte dem ein oder anderen 240X-, 240Z- oder i1124-Besitzer einiges an Leid ersparen (das Du ja offenbar durchleben musstest).
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